"Die Zeit" Nr. 35 vom 22.8.2002, S. 76 mit frdl. Genehmigung von Hn. Erenz und Hn. Grober

Der Artikel ist in einer längeren Fassung erschienen in: Wise Use, Dauerwald, Land-Ethik. Aldo Leopolds Weg zu einer Kultur der Nachhaltigkeit. In: Natur und Kultur, Jg. 3, Heft 2, Herbst 2002, S. 112-119.

Denken wie ein Berg - Von Ulrich Grober

Die Vereinigten Staaten und ihre große ökologische Tradition - oder: Wie Aldo Leopold im Wilden Westen zum Ethiker der Nachhaltigkeit wurde



Es ist ein Exemplar der Gattung Lobo Wolf oder Mexikanischer Grauwolf - jenes Muttertier, das an einem Herbsttag des Jahres 1909 einen Gebirgsfluss im Apachenland von Arizona durchquert. Am Ufer wird die Wölfin von ihren Welpen schweifwedelnd begrüßt. In dem Moment jedoch, als sie sich das Wasser aus dem Pelz schüttelt, hallen Gewehrschüsse durch den Canyon. Forst-Ranger, die an der Felskante hoch über dem Fluss lagern, haben die Bewegungen im Talgrund bemerkt und reflexartig ihre Waffen aus den Futteralen gerissen. El lobo ist für sie ein Schädling, den es auszurotten gilt.

"Wir erreichten die alte Wölfin noch rechtzeitig", schrieb einer der Schützen 40 Jahre später, als er längst zu einem weltweit anerkannten Pionier des ökologischen Denkens geworden war, "um zu sehen, wie ein starkes grünes Leuchten in ihren Augen erstarb. Ich erkannte damals und weiß es bis heute: Da war etwas für mich Neues in diesen Augen - etwas, das nur die Wölfin und der Berg wussten."

Die Lektion, die er damals erst ahnte, formulierte Aldo Leopold 1944 in einem berühmt gewordenen Essay: So wie ein Rudel Schalenwild in tödlicher Angst vor den Wölfen lebe, so lebe ein Berg in tödlicher Angst vor dem Rudel Wild. Eine Hirschkuh, die sich die Wölfe holen, sei in zwei, drei Jahren ersetzt. Eine Bergflanke aber, die durch zu hohen Wildbesatz kahl gefressen sei, könne sich nicht mehr erholen. Bodenerosion setze ein. Am Ende bleichen auf nacktem Fels die Knochen verhungerter Hirsche neben dem Totholz in der Sonne. Stirbt also der Wolf, stirbt der Berg, stirbt das Wild. Nur der Berg, schreibt Leopold sibyllinisch, habe lange genug existiert, um dem Geheul der Wölfe "objektiv" zuhören zu können. Für sein eigenes Überleben müsse der Mensch lernen, in großen ökologischen Zusammenhängen zu denken: "Thinking like a mountain" - Denken wie ein Berg.

Als Aldo Leopold 1887 in dem Städtchen Burlington am Mississippi geboren wird, ist gerade eine Ära angebrochen, die heutige amerikanische Geschichtsschreiber in Anlehnung an einen Romantitel Mark Twains als gilded age (vergoldetes Zeitalter) bezeichnen. Selfmademen wie Andrew Carnegie, Cornelius Vanderbilt und John D. Rockefeller leben den Amerikanischen Traum: die Anhäufung riesiger Vermögen, scheinbar aus dem Nichts, tatsächlich aus der völlig unregulierten Ausbeutung der Naturressourcen und der menschlichen Arbeitskraft. Es ist eine - zurzeit oft mit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts verglichene - Ära der schrankenlosen Expansion und des hemmungslosen Luxuskonsums. Zum Vorbild wird der einst so verhasste und verachtete Lebensstil des europäischen Hochadels.

Thoreau und Emerson träumten einen anderen Amerikanischen Traum

Als der Boom beginnt, leben Ralph Waldo Emerson (1803 bis 1882) und Henry David Thoreau (1817 bis 1862) noch. Die beiden Dichter und Denker des New-England-Transzendentalismus haben den Amerikanischen Traum anders erfahren und gedeutet. Inspiriert von der Naturfrömmigkeit der ersten Siedlergenerationen, aber auch vom Geist der englischen und deutschen Romantik, machen sie die amerikanische Wildnis zum Inbegriff von Freiheit und Schönheit, von der Fülle und dem Abenteuer des einfachen Lebens. "Das Wilde sichert die Erhaltung der Welt" ist das Credo Thoreaus, auf das Leopold immer wieder zurückkommt. Die Berührung mit der Welt der Indianer bleibt ebenfalls nicht ohne Folgen für das amerikanische Bewusstsein. Noch leben Krieger wie der Apachenhäuptling Geronimo (1829 bis 1909), aber auch Medizinmänner und Schamanen, die ihre spirituelle Erfahrung von Natur und Kosmos vermitteln können.

Aldo Leopold gehört zur zweiten in der Neuen Welt geborenen Generation deutscher Einwanderer. "Opa" Starker, in dessen Villa der junge Aldo aufwächst, hat als junger Ingenieur beim Bau des Main-Donau-Kanals mitgearbeitet, einem Projekt des bayerischen Königs Ludwig I. Nach dem blutigen Scheitern der Revolution von 1848/49 ist er ausgewandert und hat es als Architekt und dann als Bankier zu einem Vermögen gebracht. Seinem Schwiegersohn ermöglicht er die Gründung einer Schreibtischfabrik, die bald floriert.

Vater Leopold nimmt seinen Sohn früh mit auf die Jagd und zum Angeln, nicht ohne ihn über den Sinn der Schonzeiten aufzuklären. Wandern und Botanisieren werden zur Leidenschaft, naturkundliche Bestimmungsbücher zur Lieblingslektüre des Jungen. Vor allem die Ornithologie hat es ihm angetan. Der Mississippi-Flyway, eine der großen Vogelzuglinien des Kontinents, ist sein Revier für die Feldforschung. Hier ziehen seit der Eiszeit - oder gar der Kontinentalverschiebung - die Nomaden der Lüfte auf ihrem Weg zwischen arktischer Tundra und tropischer Karibik.

"Lug ins Land" nennt die Familie ihr Anwesen hoch über dem Mississippi. Im Blickfeld liegt die große Eisenbahnbrücke, auf der die Züge der legendären Chicago, Burlington & QuincyRailroad Richtung Denver rollen. Die Schaufelraddampfer, von denen Mark Twain erzählt, legen unten an. Riesige Flöße, bemannt mit abenteuerlichen Gestalten, driften nach Süden. Ein Land, eine Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten.

Doch die Ära der Holzflößerei geht bald zu Ende. Binnen weniger Jahrzehnte sind die jungfräulichen Wälder des Mittleren Westens kahl geschlagen und zu Brettern und Bahnschwellen verarbeitet. Nach der Devise Cut out and get out ziehen die Holzbarone gen Westen. Zeit zu handeln. Theodore Roosevelt, Präsident der USA von 1901 bis 1908, ist Jäger und Liebhaber der Wildnis. Er verbindet eine rough rider-Machtpolitik nach außen mit einer durchaus progressiven Umweltpolitik im Land. Sein Mann für den Aufbau eines geregelten Forstwesens ist Gifford Pinchot (1865 bis 1946). Dieser hat sein Rüstzeug an der französischen Forstakademie von Nancy bekommen und das Forstwesen in Deutschland und der Schweiz kennen gelernt. Wise use, die Übernahme des französischen Prinzips bon usage, und sustained yield, die Adaption des deutschen Nachhaltigkeitskonzepts, werden zur neuen Leitlinie. Allerdings versteht man wise use durchweg utilitaristisch und setzt es oft mit dem maximalen Profit der Holzindustrie gleich. Als sich Leopold 1905 an der gerade gegründeten Forstfakultät der Yale University immatrikuliert - Deutschkenntnisse sind obligatorisch -, wird dort die erste Generation amerikanischer Förster ausgebildet. Ihr stehen alle Chancen offen.

Die ersten Sporen verdient sich der 22-jährige Forstmann beim Aufbau der Verwaltung in dem riesigen Territorium zwischen Rio Grande, Colorado River und mexikanischer Grenze. Eine grandiose, wilde Landschaft, deren Waldgebiete zum ersten Mal vermessen und kartiert werden. Auf Fotos aus dieser Zeit ähnelt Aldo Leopold eher einer Gestalt aus den Glorreichen Sieben als einem Forstbeamten: Cowboy-Kluft und Stetson-Hut, Stiefeln, Revolver, Patronengurt und Lasso. Oft muss er sich mit den allmächtigen Rinderbaronen und Schafzüchtern um die Einhaltung der Weiderechte herumschlagen. Die indianische Bevölkerung ist längst in Reservaten zusammengepfercht; der eine oder andere von Leopolds Waldarbeitern mag noch vor gut 20 Jahren mit Geronimo auf dem Kriegspfad gewesen sein. In der alteingesessenen, Spanisch sprechenden Oligarchie des Landes findet Aldo Leopold die Frau fürs Leben. Vor dem Altar der katholischen Kathedrale von Santa Fe heiratet der Lutheraner die junge Lehrerin Estella Bergere.

1915 lenkt ein Auftrag aus Washington seine Aufmerksamkeit auf das Feld der Wildtierbiologie. Man ist besorgt über den Rückgang der Bestände an jagdbarem Wild in den staatlichen Forsten. Leopold soll in seiner Region Ursachen ermitteln und Konzepte zum Wildschutz ausarbeiten. Mit gewohnter Gründlichkeit geht er ans Werk und untersucht die Zusammenhänge von Überweidung, Bodenerosion, Störungen des Wasserhaushalts und dem Verhalten der Fauna. Er schlägt ein Netz von Wildtierreservaten vor, der Grand Canyon soll umfassend unter Landschaftsschutz gestellt werden. Beides geschieht.

Zu Hause in El Paso vertieft er sich in die Fachliteratur einer kleinen Spezialdisziplin der Biologie, die das Leben von Tieren und Pflanzen im Zusammenhang mit ihrem Habitat untersucht: der Ökologie. Das Wort benutzt er seit 1920, als es auf der Welt kaum mehr als ein paar Dutzend Forscher gibt, die sich damit beschäftigen. Gleichzeitig entdeckt Leopold eine neue philosophische Inspiration. In einem 1922 auf Englisch erschienenen Buch vertritt der russische Schriftsteller und Esoteriker Pjotr D. Uspenskij (1878 bis 1947) die These: Die Erde ist ein koordiniertes Ganzes, ein sich selbst regulierender Organismus, ein Lebewesen - eine frühe Version der "Gaia-Theorie".

Auf der Basis seiner Erfahrungen und Studien formuliert Leopold bereits 1923 eine Ethik der Nachhaltigkeit, die heute durchaus in die Präambel einer Johannesburg-Deklaration passen würde: "Das Privileg, die Erde zu besitzen, umfasst die Verantwortung, sie, durch unsere Nutzung gebessert, nicht nur an die unmittelbaren Nachkommen, sondern auch an eine unbekannte Zukunft weiterzugeben, von der wir noch nichts wissen können."

So genannte Naturkatastrophen - von Menschenhand gemacht

Zu dieser Zeit verlässt er den Südwesten und zieht mit seiner Familie in den Mittleren Westen, um an einem Forschungsinstitut der Universität von Wisconsin zu arbeiten. Ende der zwanziger Jahre hat er sich einen Namen als Wildtierbiologe und Naturschützer gemacht. Zu einer wichtigen intellektuellen Erfahrung wird 1931 die Freundschaft mit dem jungen britischen Naturforscher Charles Elton (1900 bis 1991). Der Oxford-Dozent ist gerade dabei, eine neue Dynamik in die wissenschaftliche Ökologie zu bringen. Elton richtet den Blick auf die funktionalen Beziehungen und Interaktionen zwischen den Organismen eines Ökosystems und verfolgt Nahrungsketten und Energiekreisläufe. Leopolds Begriff vom Land als einem Gemeinwesen aus Pflanzen- und Tiergemeinschaften, Böden, Gesteinen, Wasseradern und Menschen erhält Tiefenschärfe.

Die größte Dürre in der Klimageschichte der USA beginnt Anfang der dreißiger Jahre, also fast zeitgleich mit dem Börsenkrach und der Massenarbeitslosigkeit. Die Böden auf den Great Plains zwischen Mississippi und Rocky Mountains trocknen aus und brechen auf. Der Grundwasserspiegel sinkt. Dann erheben sich mit bislang unbekannter Wucht Staubstürme und verfinstern den Himmel bis nach Chicago. Die Zeit des dust bowl dauert ein ganzes Jahrzehnt. Jedes Frühjahr erleben die Menschen aufs Neue den "Amoklauf des Erdbodens", wie der Umwelthistoriker Donald Worster das Desaster nennt. Im bible belt, dem protestantisch-frommen Milieu der Südstaaten, glauben viele Menschen an eine Strafe Gottes. Andere suchen die Ursachen eher in der radikalen "Fordisierung" der Landwirtschaft. Der Erste Weltkrieg hatte die Weizenpreise in die Höhe getrieben. Das letzte Prärieland wurde unter den Pflug genommen. Die Farmen verwandelten sich in Agrarfabriken. Zu Beginn jeder Vegetationsperiode ist auf den riesigen Flächen die Erdkrume nun schutzlos dem Wind ausgesetzt und wird weggeweht.

Die Nation reagiert schnell und entschlossen. Der New Deal, die politische Strategie von Präsident Franklin D. Roosevelt gegen die wirtschaftliche und soziale Krise, enthält auch eine starke ökologische Komponente. Das neu gegründete Civilian Conservation Corps, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im großen Stil, beginnt, ein gewaltiges Aufforstungsprogramm umzusetzen. Jedoch bleiben die Denkmuster, die in die Krise geführt haben, unangetastet. Leopold kritisiert, dass man den Boden nach wie vor als bloße food factory ansieht. Immerhin ist sein Rat gefragt, selbst beim Präsidenten.

Zu dieser Zeit geht es Leopold, jetzt Dozent an der Universität von Wisconsin, längst nicht mehr allein um Wildbestand und Jagd. "Das eigentliche Ziel", schreibt er 1933, "ist eine universale Symbiose mit dem Land, ökonomisch und ästhetisch, öffentlich und privat." Wie kann man sich über die Dezimierung der Zugvögel aufregen, hatte ein Senator aus Michigan empört gefragt, wenn gleichzeitig Mitmenschen nicht genug Brot zu essen haben? Weil man nie sicher sein kann, kontert Leopold, was Ursache und was Wirkung ist. Und er greift frontal die technokratische Utopie der "Erlösung durch Maschinen" an. Die große Illusion: "Wenn wir alle warm und satt gemacht haben und jeder einen Ford und ein Radio besitzt, dann folgt das gute Leben."

Im Sommer 1935, in der buchstäblich schwärzesten Zeit des dust bowl, bricht Leopold als Mitglied einer Gruppe von US-Forstleuten zu einer Studienreise nach Deutschland auf. Während die Amerikaner nach Anregungen für eine nachhaltige Forstwirtschaft im eigenen Land suchen, geht es ihren Gastgebern vor allem um die internationale Anerkennung des "Dritten Reiches" und dessen Forstpolitik. Diese allerdings ist bereits wieder im Umbruch. Die in der Weimarer Republik erdachte und unter Waldbesitzern heiß umstrittene "Dauerwald"-Strategie eines ökologisch verträglichen Waldbaus hatte sich nach dem Machtantritt der Nazis scheinbar als offizielle Linie durchgesetzt; es gab modern anmutende Jagd- und Naturschutzgesetze. Die mit Göringschem Blut-und-Boden-Kitsch drapierte Politik erweist sich jedoch als äußerst kurzlebig. Spätestens von 1937 an erfordern "übergeordnete Aufgaben", nämlich die Kriegsvorbereitung, eine Erhöhung des Holzeinschlages, wie sie der deutsche Wald lange nicht erlebt hat.

In Tharandt, der weltberühmten Forstfakultät der Technischen Hochschule Dresden, dem Mekka der Nachhaltigkeitsidee, wird die Delegation empfangen. Aldo Leopold behält im Land der Vorfahren seinen klaren Blick. Den Anstrengungen für den Naturschutz zollt er Anerkennung. Doch mit trockener Ironie mokiert er sich über den "Kubismus" des deutschen Forstwesens. Eine rigide Aufteilung in geometrisch angelegte Schläge habe die Wälder in "Holzfabriken" verwandelt. Die regulierten Flüsse steckten in "Zwangsjacken" und erinnerten an "tote Schlangen". Mit der Ausrottung der Beutegreifer sei eine "unheimliche Stille" eingekehrt. Wie ist es möglich, fragt er, viel Wald und gleichzeitig viel Wild zu haben? Die Antwort: Nur indem jedes Eigenleben der Natur unterdrückt und alles von Menschenhand gesteuert wird. Ein Vorbild für Amerika? Mitnichten.

Zur Exkursion gehört ein Aufenthalt auf Gut Neschwitz in der Oberlausitz. Ein Barockschloss mit Park und Reitbahn, Karpfenteichen, Landwirtschaft und Sägemühle, umgeben von 1000 Hektar Wald. Alte Eichenbestände, Kiefern, Revier für die Fasanenjagd und die Treibjagd auf Hasen - eine feudale Idylle, bedroht jedoch vom Moloch des näher rückenden Braunkohlentagebaus. Herr im Haus ist Arnold Freiherr von Vietinghoff-Riesch (1895 bis 1962), ein bekannter Ornithologe, Pionier der Dauerwaldidee, Dozent in Tharandt, Falkner, Monokelträger - ein Junker ohne Reue (wie der Untertitel seiner 1958 erschienenen Memoiren lautet). Vietinghoff-Riesch hat seinen Wald von der Kahlschlagwirtschaft auf Einzelbaumentnahme und Naturverjüngung umgestellt, hat eine Vogelschutzwarte eingerichtet und den Wildbestand reduziert. Die dahinterstehende Vision: einem über lange Zeit schematisch genutzten und ausgebeuteten Stück Land sein harmonisches "festes Gefüge" dauerhaft wiederzugeben. Wie? Durch die möglichst vollständige Ansiedlung der potenziellen natürlichen Fauna und Flora, von den Bakterien im Boden bis zum Wanderfalken in der Luft. Aldo Leopold ist beeindruckt.

"The Jagdschloss" oder "the shack", den Schuppen, nennt er den Ort, an dem er nach der Rückkehr aus Deutschland seine Ideen ausprobiert, weiterentwickelt und niederschreibt. Es ist ein verfallener Hühnerstall auf einer verlassenen Farm am Wisconsin River, vom Vorbesitzer im Stich gelassen, als der sandige Boden endgültig nichts mehr hergab. Die Leopolds haben das Grundstück für ihre Wochenenden gekauft. Doch bald reift der Plan, mit Axt und Schaufel das Land zu renaturieren. Das Experiment gelingt. Heute umgibt den shack ein Mosaik aus naturnaher Prärie, Bachauen und vielfältigen Waldbildern. Seine Naturbeobachtungen bei dieser Arbeit schreibt Leopold auf und verknüpft sie mit der Summe seiner Erfahrungen. Daraus entsteht der Sand County Almanac, der 1949 erscheint - ein Jahr nach dem Tod des Autors. In den sechziger Jahren wird die Schrift, vielfach übersetzt, zu einem Kultbuch der Umweltbewegung. (Auf Deutsch erschien sie, mit einem Vorwort von Horst Stern, allerdings erst 1992 unter dem pathetischen Titel Am Anfang war die Erde. Die - übrigens um Wesentliches gekürzte - Übersetzung ist längst vergriffen, eine neue und bitte vollständige Ausgabe dringend nötig!)

Den Schlussstein zu Buch und Lebenswerk setzt ein Essay mit dem Titel Land-Ethik. Es ist ein aufregend subversiver Text. Leopold überträgt oder besser: erweitert hier - ähnlich wie in seiner Generation Albert Schweitzer - die Ethik auf das Gebiet der Natur, auf die Beziehungen des Menschen zu seiner natürlichen Mitwelt. Er schließt mit dem Aufruf: "Hört auf damit, eine anständige Landnutzung nur ökonomisch zu sehen. Prüft bei jeder Frage, was ethisch und ästhetisch richtig ist, und dann, was ökonomisch nützlich ist. (...) Etwas ist richtig, wenn es hilft, die Integrität, Stabilität und Schönheit des ökologischen Gemeinwesens zu bewahren. Es ist falsch, wenn es anders wirkt."

Auch Al Gores "Marshall-Plan für die Erde" ist von ihm beeinflusst

Leopold hatte keine Illusionen darüber, dass er in einer Gesellschaft lebte, deren "Nationalspiel" der "ökonomische Expansionismus" ist. Natur soll durch Technik profitträchtig ersetzt werden: "Das Dogma der Moderne heißt Bequemlichkeit um jeden Preis." Eine Ethik, die bloß Selbstbeschränkung, Askese gar forderte, würde auf taube Ohren stoßen. Deshalb bringt er die Ästhetik ins Spiel. Wollen wir wirklich für immer auf den Anblick ziehender Tundraschwäne am Frühlingshimmel und auf den Klang des Wolfsgeheuls in der Winternacht verzichten? Und was ist das überhaupt: das gute Leben?

Sein Werk blieb in den USA zunächst in kleinen Kreisen präsent. Als Rachel Carson 1962 in ihrem bahnbrechenden Buch Der stumme Frühling die chemische Industrie wegen derenTodeselixieren anklagte, führte sie ein Motiv Leopolds weiter. Die Millionen junger Amerikaner, die 1970 den Earth Day feierten und eine grüne Gegenkultur ins Leben riefen, zehrten davon. Al Gore war davon inspiriert, als er 1991 seinen Marshall-Plan für die Erde vorlegte. Und gewiss handelte die "Baumfrau" Julia Butterfly Hill im Geiste Leopolds, als sie am Ende des 20. Jahrhunderts zwei Jahre ihres jungen Lebens in der Krone eines kalifornischen Redwood-Baumriesen verbrachte, um ihn vor den Motorsägen von Pacific Lumber zu retten.

"Unser Lebensstil ist keine Verhandlungssache." Mit diesem Machtwort hatte US-Präsident Bush sen. 1992 den Erdgipfel von Rio torpediert. Alle Daten deuten darauf hin, dass sich in den vergangenen zehn Jahren der Planet weiter von einem Zustand der Nachhaltigkeit entfernt hat als jemals zuvor. Klimaveränderungen - Überschwemmungen hier, Wassermangel dort und Bodenerosionen, die zu neuen dust bowls führen - werden, wenn nicht alle Anzeichen trügen, das 21. Jahrhundert erschüttern. Trotz dieser Schrift an der Wand sieht es danach aus, als würde George W. Bush mit derselben Starrheit wie damals sein Vater den Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg zum Scheitern bringen. Dass es ausgerechnet ein Landsmann von ihm war, der schon vor Jahrzehnten das kommende Desaster erkannte und einen Weg aus der Gefahr wies, gehört zur besonderen Ironie der Geschichte. "Thinking like a mountain" - vielleicht ist es noch nicht zu spät.

Der Autor ist Kulturhistoriker und Publizist und lebt in Marl